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… und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat. (Psalm 103,2)

Das Bild zeigt den Erntewagen, den Familie Schneider aus Orleshausen über viele Jahre zum Erntedankfest gestaltet. Welche Fülle, welche Augenweide? Eine Predigt für die Sinne. Es braucht keine Worte um zu erkennen, welche Vielfalt die Erde hervorbringt.

Wie wird die Ernte 2018 ausgefallen sein? Bis zum Sommeranfang ließen die Felder, Sträucher und Bäume eine reiche Ernte erwarten. Ganz anders als im vergangenen Jahr, als der späte Frost den Fruchtansatz erfrieren ließ und es fast gar keine Äpfel, Kirschen und Nüsse gab. In diesem Jahr hingen die Obstbäume voll, wir ernteten so viele Tomaten wie nie, die Winzer sprechen vom Jahrhundertwein. Die Bauern brachten eine reiche Heuernte ein, doch dann kam die große Hitze und mit ihr die Dürre. Während wir noch in den Alpen unsere Urlaubstage verbrachten und blühende Bergwiesen mit einer berauschenden Blütenfülle genossen, versengte zuhause die Sonne die Wiesen und Pflanzen und bei unserer Rückkehr erwartete uns nur noch braunes verdorrtes Land. Wie haben wir dieses Wetter einzuschätzen? Eine deutliche Warnung an die Menschen etwa: Achtet auf Euren Lebensstil und die Folgen für die Schöpfung? Ob dazu noch Zeit ist? Forscher haben da ihre Zweifel. Ob die Menschheit dazu bereit ist? Die Natur lässt sich nicht spotten. Ich mache mir Sorgen…

„Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat“, mahnt der Psalmbeter. Ich werde aufgefordert, inne zu halten und mir bewusst zu werden, was ich im täglichen Allerlei als selbstverständlich erachte. Oft genug meine ich sogar, ich hätte einen Anspruch darauf und werde unzufrieden, wenn nicht alles gleich und sofort und in vollem Umfang zur Verfügung steht. Ob dies nun am Kühlregal ist oder beim Friseur.

So ist die Selbstverständlichkeit der Feind der Dankbarkeit.

Meine Physiotherapeutin sagte mir einmal, welch ein Geschenk es ist, sich bewegen zu können. Wie Recht sie damit hat. „Unser täglich Brot gib uns heute,“ beten wir im Vater Unser. Auf die Frage, was heißt denn täglich Brot, antwortete Martin Luther im Kleinen Katechismus: „Alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh,… gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ (Evang. Gesangbuch Nr. 806,3).

Mache ich mir bewusst, dass Kühlschrank und Kleiderschrank voll sind und weit mehr beinhalten als den täglichen Bedarf. Mache ich mir bewusst, dass ich tolle Menschen um mich herum habe, die mir freundlich begegnen und Ärzte, die erreichbar sind und sich Zeit für mich nehmen. Mache ich mir bewusst, dass ich in unserem Land denken und glauben und sagen darf, was ich will, solange ich andere damit nicht verunglimpfe. Mache ich mir bewusst, dass ich in unserem Land auch hochgestellte Persönlichkeiten öffentlich kritisieren darf, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen. All das gehört zu meinem Leben. Und noch so viel mehr. Alles keine Selbstverständlichkeit und deshalb genügend Grund zum Danken.

Ob wir das Staunen neu lernen müssen?

Eine nette Geschichte von Peter Bamm handelt davon: „Ein Herr geht durch eine Straße eines besseren Londoner Viertels. Am Eingang einer Villa sieht er, wie ein Mann sich bemüht, ein Pferd in den Hauseingang zu bugsieren. Er bleibt stehen. Nach einer Weile sagt der Mann, schweißüberströmt: „Wissen Sie, wenn Sie Zeit haben, könnten Sie mir eigentlich ein bisschen helfen.“ „Aber gern!“ Als sie im ersten Stock angekommen sind, will der Herr sich verabschieden. „Ach nein“, meint der andere, „entschuldigen Sie. Das Pferd muss nämlich noch in die Badewanne.“ Nach einer halben Stunde ist das Pferd tatsächlich in der Badewanne. Als der Herr sich verabschiedet, fragt er höflich: „Verzeihen Sie, können Sie mir nicht verraten, warum das Pferd in die Badewanne muss?“ Die Antwort: „Ich habe eine Freundin, die die Gewohnheit hat, immer nur `Na und?´ zu sagen. Wenn sie eine Theaterkarte geschenkt bekommt, wenn sie eine Mittelmeerreise gewinnt oder einen schönen Ring erhält. Der einzige Kommentar ist immer „Na und?“ „Aber was hat das mit dem Pferd in der Badewanne zu tun?“ „Nun“, erklärt ihm der Mann, „in einer Stunde wird meine Freundin
nach Hause kommen. Sie wird die Tür aufschließen und sich die Schuhe ausziehen. Sie wird ins Badezimmer gehen, um sich die Hände zu waschen. Und dann wird sie herausgestürzt kommen und wild schreien und rufen: `Um Himmels willen! In der Badewanne sitzt ein Pferd!“

Ob man mir auch ein Pferd in die Badewanne setzen muss? Vielleicht reicht auch der Blick auf den Erntewagen.

Ihr Andreas Weik, Pfarrer

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