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Ansprache bei „Büdingen rockt für Vielfalt und Demokratie“

anlässlich des NPD Parteitages in Büdingen 2018

 

Liebe Büdinger,

was hat sie heute dazu bewegt, sich hier zu versammeln?

Wenn es Ihnen ähnlich wie mir geht, dann sind das zwei Dinge:

Zum einen eine gewisse Furcht oder Befürchtung vor dem was sie hören und sehen in der Gesellschaft, Bilder wie in Chemnitz, Versammlungen wie die der NPD direkt neben uns, Wahlergebnisse in Hessen, Deutschland und Europa mit deutlichen Rechtsruck. Stimmen die wollen, dass jeder nicht-heterosexuelle registriert wird und man die Quote von Menschen mit Behinderung erhebt.

Wo wir doch dachten, dass solche Listen längst begraben worden sind vor vielen Jahrzehnten. Ich jedenfalls finde das furchterregend.

Und das andere, warum ich hier stehe ist ein Drang nach Widerstand.

Ich möchte den einfachen Lösungen widerstehen

  • der Resignation
  • den Feindbildern und dem Hass.

Die Menschen, die dortdrüben heute ihren Parteitag abhalten, tragen im übrigen ebenfalls Furcht und Widerstand in sich. Und Furcht ist ihre größte Waffe. Denn wer sich bestimmen lässt von der Furcht, fängt an bei seinem Widerstand um sich zu schlagen.

Der Unterschied zwischen ihnen und uns liegt also vor allem darin, wie wir mit der Furcht umgehen.

Ich nenne Ihnen drei Beispiele.

Eine alte Dame lebt in einer Region im Vogelsberg, in der ihr Haus fast nichts mehr Wert ist, weil ihr Dorf verfällt. Ihre Rente ist klein und sie fürchtet sich vor der Altersarmut und Isolation.

Ein junger Mann fürchtet keinen Job zu finden. Und plötzlich scheint ihm jeder der ähnliche Jobs sucht eine Bedrohung zu sein. Es ist die Furcht abgehängt zu werden.

Eine junge Mutter runzelt besorgt die Stirn. Sie hält ein Schreiben von der Schule in der Hand, in der es heißt: Dieses Jahr feiern wir kein St. Martin. Da können viele Kinder nicht mitfeiern. Wir nennen es jetzt Lichterfest. „Das ist ja fürchterlich!“ findet sie. Denn sie fürchtet, dass ihre vertrauten Feste und Rituale zu verschwinden drohen.

Furcht ist anders als Angst kein diffuses Gefühl, sie hat ein konkretes Gegenüber. Und wenn ich als Pfarrerin diese Menschen besuche, dann höre ich von eben diesen Befürchtungen und nehme sie ernst. Auch das ist ein Umgang der Furcht zu Begegnen.

Aber genau hier geht es um einen Knackpunkt: wie gehe ich jetzt um mit dieser Furcht?

Die Antwort auf diese Frage definiere ich als Christin über meinen Glauben. Und dieser Glaube beruht auf Worten wie diesen, aus dem 1. Timotheusbrief:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Es ist ein Appell sich nicht bestimmen zu lassen von seinen ärgsten Befürchtungen.

Es ist ein Appell für einen Widerstand mit Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Wie wäre es also, wenn wir uns nicht von der Furcht, sondern von der Ehrfurcht bewegen ließen?

Der Ehrfurcht vor dem Leben und dem Schicksal unserer Mitmenschen.

Und der Ehrfurcht vor Gott.

Denn in dieser Geisteshaltung der Ehrfurcht schaffen wir einen Widerstand, der Kraft in der Gemeinschaft findet, wie wir sie heute hier erfahren, einen Widerstand getragen von der Liebe, die sich mit unseren Mitmenschen solidarisiert und einen Widerstand mit Besonnenheit, mit der wir kein Feindbild sondern ein Gegenüber erkennen.

Mit diesem Geist der Ehrfurcht vor dem Leben und vor Gott und einem Widerstand aus Kraft, Liebe und Besonnenheit stehe ich heute hier mit Ihnen ein für ein weltoffenes Büdingen.

Danke.

Bildquellen

  • Pfrin. Sandra Hämmerle: Sandra Hämmerle

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