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Ein freies Land…

Ich konnte nächtelang nicht schlafen nachdem ich erstmals eine Büdinger Asylantenunterkunft kennengelernt hatte. Ich besuchte A., eine Eritreerin. Weil sie ein Baby hatte war sie „luxuriös“ untergebracht: ein Zimmer mit Kochecke und separater Dusche/WC. Sie war damit zufrieden. Ich wunderte mich, aus welchen Ecken und Winkeln Bewohner auftauchten. Wie konnten so viele Menschen hier untergebracht werden? Da war B., ein junger Mann aus Eritrea, der ein Biologie-Studium abgeschlossen hatte und sieben Sprachen sprach. Er wollte weiter lernen und litt sehr darunter, ein Zimmer mit drei Männern teilen zu müssen. Eine engagierte Büdingerin konnte ihm inzwischen ein Einzelzimmer besorgen und setzte sich dafür ein, dass er in Gießen ein Masterstudium in Biologie aufnehmen konnte.

Schlepper hatten die hochschwangere A. mit dem Flugzeug nach Frankfurt gebracht, begleiteten sie bis zum Hauptbahnhof und verschwanden dann in der Menge. Sie hatten ihr noch die Adresse der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung in die Hand gedrückt. Irgendwie kam sie dort an. Zwei Wochen später wurde ihre Tochter geboren. Und drei Monate später zog sie ins Büdinger Wohnheim. Angst vor weiterer Verfolgung auch in Deutschland durch den Arm der eritreischen Diktatur, Ungewissheit über das Leben hier und Heimweh ließen sie nachts nicht schlafen. Ein unerschütterliches Gottvertrauen ließ die gläubige Katholikin trotz alledem optimistisch bleiben.

Viele Büdinger haben geholfen: die Caritas, die KiTa, das JobCenter, Ärzte, die Stadtverwaltung, Privatpersonen mit Kleidern, Möbeln und Haushaltsartikeln und freundliche Begleiter. Inzwischen habe ich viele bürokratische Regelungen und Formulare kennengelernt, habe Ämter in Büdingen, Gelnhausen, Friedberg und Darmstadt gesucht und gefunden. Ich habe erfahren, was Behörden bei Aufenthaltsgenehmigungen, Asylanträgen und anderem beachten müssen. Das Wort „Beglaubigung“ ist mir zu einer geläufigen Vokabel geworden.

Deutschland ist doch ein freies Land! Sie wuchs in einer der schlimmsten Diktaturen der Welt auf. Ihre Vorstellung von Freiheit ist anders als unsere. Wir genießen unsere gewohnte Freiheit. Manche unserer geschriebenen Regeln und Gewohnheiten empfindet sie einengend. A. weiß zu schätzen, dass ihre finanzielle Unterstützung vom Staat kommt und geht verantwortungsvoll mit ihrem Geld um. Sprachliche Hürden führten leicht zu Verständigungsschwierigkeiten.

Nach drei Jahren konnte endlich der Ehemann und Vater regulär einreisen. Jetzt wohnen sie in einer netten Wohnung. Die Ängste schwinden allmählich. Und ich stelle mir vor, wie es mir in der Fremde gehen würde.

(veröffentlicht im September 2015)

 

Bildquellen

  • Marienkirche Turmhaube (quer): Dieter Turner

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