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Gottesdienst am 14. Juni

Gottesdienst an 1. Sonntag nach Trinitatis 14. Juni 2020
in der Marienkirche zu Büdingen

Pfarrer Andreas Weik und Kantorin Anne Schneider
Corona-Quintett: Anne Schneider, Katharina Gündra, Barbara Küper,
Sebastian Köhler, Hubertus Protz


Eingangslied EG+ 144 – Dich rühmt der Morgen.
Psalm 34 (bay. EG 749)
Schriftlesung; 1.Johannesbrief 4, 16b-21
Wochenlied EG 365, 1,3,4 – Von Gott will ich nicht lassen
Predigt zu Apg. 4, 32-37
Predigtlied EG 630 Wo ein Mensch Vertrauen gibt.
Schlusslied EG 276, 1,2,5 – Ich will, so lang ich lebe, rühmen den Herren mein.


Schriftlesung: 1.Johannesbrief 4, 16b-21

Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Darin ist die Liebe bei uns vollendet, auf dass wir die Freiheit haben, zu reden am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.

Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt.
Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der Friede des Gottes Israels und die Kraft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.

Liebe Gemeinde,

wie wollen wir miteinander leben?

Als, durch Corona bedingt, das gesellschaftliche Leben weitgehend runtergefahren wurde, wie wir das bislang noch nicht kannten, hat sich manch einer diese Frage gestellt: Wie wollen wir miteinander leben? Corona hat ja nicht nur Masken und Desinfektionsmittel und Ängste verbreitet. Corona hat uns auch ins Nachdenken geführt, was denn wirklich wichtig ist im Leben. Wenn das gewohnte Leben von jetzt auf nachher fast auf den Kopf gestellt wird, so ist das auch eine Chance das Leben davor auf den Prüfstand zu stellen, zu schauen, was hätte ich gerne davon wieder zurück und was kann ich verändern oder seinlassen.

Corona – eine Zwangspause. Im Gemeindebrief schrieb unsere Kantorin Anne Schneider: In der Musik gibt es dieses Zeichen, das im italienischen Corona genannt wird und eine Generalpause anordnet. Also ein Shutdown mitten in einem Musikstück, nicht selten recht unerwartet. Auf der ganzen Welt sitzt aktuell eine „Corona“, die uns die Luft anhalten, aber auch Luft holen lässt. Wann das Stück weitergeht, weiß nur, wer den Einsatz dazu geben kann.

Eine Generalpause: Die Luft anhalten – Luft holen. Eine Chance.

Manche haben in den letzten Monaten die Natur viel intensiver wahrgenommen als vorher. Keine Kondensstreifen am Himmel und am Morgen wecken uns nicht die Flugzeuge um 4.50 Uhr, die nach airport frankfurt abdrehen, sondern die Vögel.
Ornitologen, Vogelkundler haben festgestellt, dass die Vögel in den letzten Monaten nicht mehr so laut gesungen haben. Sie mussten sich nicht mehr gegen den Lärm durchzusetzen.

Als der Autoverkehr rapide nachließ, spielten die Kinder wieder auf der Straße und manche haben Nachbarn entdeckt und diese als Elternersatz adoptiert.

Vor den Bäckereien standen die Menschen geordnet und geduldig in der Schlange, wie man es nur aus dem disziplinierten England kennt oder der DDR kannte. Manches Lächeln wurde über der Maske mit Augen geschenkt.

Mein Eindruck war, dass die Menschen achtsamer miteinander umgingen, manche Gespräche intensiver geführt wurden, man mehr nach den Nachbarn geschaut hat und kleinen Dinge neu entdeckt und geschätzt wurden. Statt Fernreise und Städtetrip erlebte das Fahrrad und die nähere Umgebung einen Boom.
Die Luft anhalten – Luft holen. Eine Chance.

Wie wollen wir miteinander leben?

Ich höre die ein oder andere Stimmen, die sagt, ich will mich nicht mehr so hetzen lassen von einem Termin zum anderen oder einem Event nach dem anderen nachjagen. Unser Konsum war eindeutig zu viel und die Autowerbung „Du musstest auf so vieles verzichten – nun gönn ihn Dir, den neuen BMW“, sie hat viel Spott nach sich gezogen. Um Konsum am Leben zu erhalten, muss er ständig angefüttert werden. Glücksforscher warnen uns und sagen, dass die Gier immer hungriger macht, wenn sie Nahrung findet.

Wie wollen wir miteinander leben?

Ein von mir sehr geschätzter Kollege sagte kürzlich, vielleicht hat Gott uns Corona geschickt, um uns vor Schlimmerem zu behüten. In der Tat ächzt ja Mutter Erde aus allen Fugen als wollte sie ihre Kinder abschütteln, weil es ihr zu heiß geworden ist. Ob wir lernfähig sind?

Wie wollen wir als Kirche leben?
Etwas bescheidener, demütiger? Das wäre gut! Auf jeden Fall achtsamer! Gradmesser muss immer sein, wie wir zu den Schwächsten stehen. Nicht nur in Coronazeiten. Dafür steht der Gekreuzigte.
Bescheidener, aber nicht mit gesenktem Kopf, sondern brennend in der Sache Jesu. Begeistert vom Geist Gottes. Aber Vorsicht, wenn der Geist Gottes uns erfüllt, dann hat das Konsequenzen für die Lebensgestaltung und für die Frage, wie wir leben wollen.

Predigttext: Apg 4,32-37

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Liebe Gemeinde,

als Jugendlicher, frisch auf Entdeckungstour im christlichen Glauben und in den biblischen Geschichten hat mich diese Beschreibung der christlichen Urgemeinde schwer beeindruckt: Die ersten Christen blieben beständig in der Apostel Lehre, in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im  Gebet. (Apg. 2,42) Hier wird von der nach innen gekehrten Frömmigkeit erzählt: Bibellesen, der Austausch darüber, Abendmahl feiern, gemeinsam Beten. Das kennen wir, so halten wir es jeden Sonntag im Gottesdienst. Hauskreise praktizieren dies besonders intensiv.
Jetzt kommt aber noch etwas Zweites hinzu: Zur Stärkung des Glaubens kommt die soziale Verantwortung für die anderen. Heute würden wir sagen: Zur Spiritualität kommt die Diakonie. Noch einfacher: Zur Gottesliebe und Pflege der Frömmigkeit kommt die tätige Nächstenliebe. Die werden nicht übersehen, über die sich der barmherzige Samariter erbarmt hat.

In der ersten Christengemeinde geht beides scheinbar Hand in Hand.

Lukas zeichnet ein schönes Bild von der Urchristengemeinde: Die ersten Christen waren ein Herz und eine Seele. Keine sagt: „Finger weg, das gehört mir,“ sondern sie lebten so, als gehören die Dinge allen gemeinsam. Wenn jemand in Not war, da wurden Land oder Häuser verkauft und der Erlös den Aposteln gegeben, damit sie die Spende an die Bedürftigen weitergeben konnten. Und das alles ohne Spendenbescheinigung. Die Wohlhabenden verkauften ihre Häuser und Äcker zum Wohl der Ärmeren.

Mich hat diese alternative Lebensform, als Jugendlicher sehr fasziniert. Als Urform des Kommunismus würde ich dies übrigens nicht bezeichnen, denn hier geht es nicht um ein verordnetes Gesellschaftssystem, sondern um eine freie Entscheidung der Einzelnen aus dem Herzen heraus.

Die Idee dieses Zusammenlebens fasziniert mich übrigens immer noch, obwohl ich heute ein eigenes Haus habe, dass ich nur höchst ungern verkaufen würde. Die Not der Menschen ist ja nicht kleiner geworden und ich weiß auch, was der Erlös Gutes bewirken könnte.

Trotzdem: Wäre dies nicht ein wunderbares Bild von Kirche und Gesellschaft, wenn wir uns nicht über das Haben definieren würden und den damit verbundenen Einfluss, sondern daran, wie wir nach den Schwächeren schauen?!

Lukas zeichnet von der Urgemeinde ein Idealbild, und manch einer träumt sich solch eine christliche Gemeinschaft und findet sie – nach seinem Ermessen – in einer Freikirche. Aber gibt es diese ideale Gemeinde nach dem Lebensmuster der Urchristenheit?  Ein Herz und eine Seele? Alles wird miteinander geteilt – und das aus freien Stücken.

Schauen wir in die Bibel hinein, so werden wir ganz schnell aus unseren Schwärmereien herausgeholt. Hierzu drei Beispiele:

I. Paulus beklagt die Zustände in Korinth. Dort wurde täglich Abendmahl gefeiert – verbunden mit einem gemeinsamen Abendessen. Als dann die Tagelöhner, die länger arbeiten mussten, als die Reichen, erschöpft dazu kamen, war die Tafel geputzt. Paulus ist empört: Habt Ihr denn gar nichts von Christus gelernt, schimpft er?

II. Und selbst Lukas berichtet in der Apostelgeschichte in dem folgenden Kapitel, dass es mit dem selbstverständlichen Teilen nicht funktioniert hat. Hananias und Saphira, ein Ehepaar verkauften einen Acker. Den Erlös brachten auch sie zu den Aposteln. Sie nannten aber nicht vollen Erlös und behielten einen Teil des Geldes heimlich für sich. Petrus stellt sie zur Rede:
Erstens: Keiner hat Euch gezwungen den Acker zu verkaufen
Zweitens: Keiner hat von Euch verlangt, dass Ihr das Geld abgebt
und drittens hätten Ihr immer noch ganz frei verfügen können, was mit dem Erlös geschieht. Aber so zu tun, als hättet Ihr den gesamten Acker für die Bedürftigen verkauft, das ist nicht nur Betrug an den Menschen, sondern Betrug an Gott. Die Geschichte endet tödlich. Beide sterben des Todes. (nachzulesen in Apostelgeschichte 5)

Es wird deutlich, reines Herzens und alle teilen ihr Hab und Gut – das hat von der ersten Stunde an nicht funktioniert. Gutes zu tun muss aus dem Herzen kommen und nicht aus Geltungszwang. Und wenn eine christliche Gemeinschaft zu eng lebt und das Gebot der Nächstenliebe und den Zwang der sozialen Kontrolle gerät, dann verkehrt sich die Nächstenliebe in Gruppenzwang und Überwachung.

III. Ein weiteres Kapitel später lesen wir von dem Konflikt, dass die Bedürftigen – hier werden die Witwen genannt, die von griechischer Herkunft sind bei der Fürsorge gegenüber den hebräischen Witwen benachteiligt werden. Auch dieser Zustand ist nicht hinnehmbar und so werden sieben Menschen beauftragt, die Versorgung gerecht zu regeln. Wir merken auch hier: „Ein Herz und eine Seele“, so war es doch nicht. Konflikte entstehen und müssen geklärt werden. Wir sind und bleiben fehlbare Menschen. Auch als Christen auch die Kirche. Deshalb ist es wichtig Strukturen zu schaffen und zu klären, wie mit Konflikten und Verfehlungen umgegangen werden kann.

Wie wollen wir miteinander leben?

Lukas schreibt davon, dass ein Kennzeichen der ersten Christengemeinde darin bestand, dass einzelne nicht mehr auf dem eigenen Besitz bestanden, sondern aufeinander achteten und sich gegenseitig unterstützten. Auch das ist ein Glaubenszeugnis und so bezeugten sie den Auferstandenen Christus. Ein anderer Umgang mit Besitz und als Gemeinschaft ist die Wirkung des Heiligen Geistes.

Der Geist Gottes, der Heilige Geist, ist ein Geist der Liebe.
Das ist das Gegenteil von Selbstüberhebung und Machtrausch und Gier.
Die Verbindung mit Christus führt zu einem anderen Lebensstil, führt zu der Bereitschaft miteinander zu teilen. Deshalb streicht Lukas das so deutlich heraus. Er stellt diese frühe Gemeinde als Vorbild hin. Denn in seiner eigenen Zeit hatte sich die Begeisterung mancherorts schon etwas abgekühlt – nicht zuletzt aufgrund der Anfeindungen von außen, die schon früh einsetzten. So sagt er:

Bleibt bei der Stange! Fallt nicht wieder auf euer Eigeninteresse zurück! Und ihr werdet merken, welcher Segen darauf liegt.

Lasst euch weiterhin vom Heiligen Geist Gottes inspirieren und begeistern,
damit die Sache Jesu auch in diesen schwieriger gewordenen Zeiten weitergeht!
Worte, 2000 Jahren alt, wie in unserer Zeit hineingesprochen.

Wie wollen wir leben? „Corona“, Generalpause. Die Luft anhalten. Luft holen. Die Chance nutzen.  „Wann das Stück weitergeht, weiß nur, wer den Einsatz dazu geben kann.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in unserem Herrn Jesus Christus. Amen.


Fürbittengebet

Pfr.:    Du, unser Gott, ewig und barmherzig.
Du rettest,
Du hilfst,
Du antwortest, wenn wir dich suchen.
Dir wenden wir uns zu.

I.          Wir wünschen uns eine Welt, in der Friede und Gerechtigkeit regieren.
Wir wünschen uns eine Kirche, in der die Menschen einander herzlich
verbunden sind und aufeinander achten.
Wir wünschen uns eine Gemeinschaft, in der niemand untergeht und jedem
Menschen das Notwendige zum Leben gewährt wird.
Wir bitten Dich, Gott, halte diese Sehnsucht in uns wach.
Wir rufen Dich an:

II.        Du, unser Gott, ewig und barmherzig.
Wir haben gehört, wie die christliche Urgemeinde im Vertrauen auf Dich gelebt
und gehandelt hat.
Ihre Gaben und Begabung haben sie für gerechte Lebensbedingungen
eingesetzt und ihren Besitz geteilt.
Wir klagen dir unsere Unfähigkeit, ein solidarisches Miteinander zu leben.
Auch wir stehen immer wieder in der Versuchung immer mehr haben zu
wollen und verdrängen dabei die Not der Menschen.
Wir bitten, Gott, schenke uns ein warmes Herz, und leite uns mit Deinem
Geist.
Wir rufen Dich an:

III        Du, unser Gott, ewig und barmherzig.
Wir bitten Dich für die Menschen, die aufgrund der Pandemie und der
Schutzmaßnahmen in Not geraten sind.
Wir bitten Dich für die Menschen, die in Ängsten leben:
In Angst um ihre Gesundheit und in Angst um ihre Existenz.
Wir sehen die Bilder von Menschen auf der Flucht, weil sie keine Arbeit und
kein Auskommen mehr finden. Gib ihnen ihr täglich Brot.
Wir hören von den Unruhen in den Vereinigten Staaten. Wir wissen darum
wie immer wieder Menschen erniedrigt und benachteiligt werden aufgrund
ihrer Herkunft oder Hautfarbe.
Lass ihnen Gerechtigkeit widerfahren und lehre uns, dass jeder Mensch Dein
Ebenbild ist und Dein Antlitz trägt.
Wir rufen Dich an:

Vater Unser

Bildquellen

  • Büdingen von oben: Dieter Turner

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