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Gottesdienst am Sonntag Exaudi (24. Mai 2020)

Gottesdienst an Exaudi 24. Mai 2020
in der Marienkirche zu Büdingen

Pfarrer Andreas Weik und Kantorin Anne Schneider
Corona – Quintett: Anne Schneider, Katharina Gündra, Barbara Küper,
Sebastian Köhler, Hubertus Protz


Eingangslied EG 501 – Wie lieblich ist der Maien
Psalm 47 (EG Bayern 758)
Schriftlesung: Johannesevangelium 16,5-15
Wochenlied EG 136, 1,2,4 – O komm, du Geist der Wahrheit
Predigt zu Jeremia 31,31-34
Predigtlied 324,1-3+1+13
Schlusslied EG 252, 1+2 – Jesu, der du bist alleine


Predigt zu Jeremia 31, 31-34

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde,

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“

Einen neuen Bund schließen, noch einmal von vorne beginnen, weil die erste Version irgendwie nicht zum Ziel geführt hat.

Manchmal, so sagte mir eine befreundete Töpferin, da will mir mein Handwerk einfach nicht gelingen. Ich bin schon ziemlich weit fortgeschritten, die Figur hat sich entwickelt, aber irgendwie lässt sie sich nicht vollenden. Ich nehme verschiedene Anläufe, probiere hier etwas, korrigieren da, bis ich dann merke, es hilft alles nichts.  Am besten ist es: Fang noch einmal von vorne an. Und dann liegt er da, der Klumpen Ton und wartet darauf, dass ich beginne ihn neu zu formen. Und auf einmal geht es mir ganz leicht von der Hand – und das Kunstwerk gelingt. War er vergeblich, der erste Versuch? Nein, sagt sie, denn ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie der Ton in meiner Hand liegt und ich hatte die Idee weiterentwickelt, wie es werden könnte.

Mich hat die Erzählung der Töpferin an meine eigene Kindheit erinnert. Aufsätze habe ich nicht gerne geschrieben. Und waren die ersten Sätze geglückt waren, dann saß ich oftmals da, kaute am Stift, die Gedanken gingen spazieren und ich überlegte hin und her, wie es weiter gehen könnte, versuchte diesen oder jenen Satz und war nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Und ganz oft habe ich das Blatt zerrissen und zu späterer Stunde einen neuen Anfang gemacht. Und dann ist es geglückt.
Es wurde mir zur prägenden Erfahrung: Es ist gut, noch einmal ganz neu anfangen zu können. Und ich muss nicht verzagen, beim zweiten oder dritten Anlauf wird es glücken.

Dass etwas Neu werden darf, das ist das große Thema der ganzen Heiligen Schrift. So auch hier bei Jeremia, der von einem neuen Bund spricht, den Gott mit den Menschen schließen wird.

Dass etwas Neu werden darf, ist das große Thema der ganzen Heiligen Schrift.
Wir erinnern uns an so viele Erzählungen

Gott greift in das Chaos in das Tohuwabohu ein, ordnet neu und erschafft Himmel und Erde. Davon erzählen die ersten Zeilen der Bibel. Neues entsteht.

Und Gott schließt mit Moses einen Bund. „Ich bin Euer Gott und ihr sollt mein Volk sein.“ (2. Mose 6,7) Und als Richtschnur, als Weisung, als Gesetz bekommt Moses die 10 Gebote. Die Richtschnur, nach der wir gut und Frieden miteinander leben können und Gott die Ehre geben.

Aber, so die Erfahrung, von der Jeremia berichtet. Die Menschen haben den Bund mit Gott gebrochen. Wieder einmal und wie so oft schon zuvor:

Wir erinnern uns an Adam und Eva mit ihrem Misstrauen Gott gegenüber, als ob er ihnen die beste Frucht im Garten nicht gönnen würde.
Oder den Neid, der sich in Kain festsetzt und zum Brudermord führt
Oder die Geltungssucht der Architekten und Bauherren von Babel, dies sich einen großen Namen machen wollten: Hallo Welt; Schaut auf unser Bauwerk, schaut auf uns hier in Babylon. Die Zerstörung ist die Folge der Geltungssucht und des Größenwahns.

Die Reihe ließe sich lange fortsetzen. So sind wir Menschen.
Und zugleich lesen wir, wie Gott immer wieder neu anfing mit seinen Menschen.

Jetzt schaut der Prophet Jeremia wieder auf einen Zusammenbruch: Das Volk Israel und das Haus Juda, also Nordreich und Südreich, liegen in Trümmern. Das Land, das Gott ihnen geben hat, wurde erobert, die Siedlungen zerstört, der Tempel dem Erdboden gleich gemacht und die Elite ins Exil weggeführt. Eine Katastrophe. Die Propheten sahen die Ursache der Zerstörung darin, dass das Volk den Bund mit Gott gebrochen hat: Fehlendes Vertrauen Gott gegenüber, die Missachtung der Gebote, kaltherziges Vorübergehen am Leid der Schwachen und zweifelhafte militärische Bündnisse. All das führte ins Verderben.

In den Augen von Jeremia hat das Volk Israel den Bund mit Gott gebrochen, hat die Thora, die Weisung, die 10 Gebote missachtet und da lässt sich auch nichts mehr kitten. Jeremia ruft anders als andere Propheten jetzt nicht zur Buße und zur Umkehr auf. Er spürt, es braucht noch einmal einen ganz neuen Anfang. Und er hört, dass Gott diesen neuen Anfang machen will:

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“ Einen Bund, der ins Herz geht, der die Menschen anrührt.

Gott wird einen neuen Bund schließen. Einen Bund schließen.
Bei einer Hochzeit wird zwischen den beiden, die miteinander ver-bandelt, sind der Ehebund befestigt. In der katholischen Trauzeremonie bindet der Priester seine Stola wie ein Band um die Hände des Brautpaares um symbolisch zu zeigen, bei Eurem gemeinsamen Bund ist Gott als Dritter mit im Bunde und mich Euch verbunden.

Bündnisse gibt es bei uns viele: Sie leben von einer Freiwilligkeit im Bundesschluss, aber auch von der Verbindlichkeit, sich nicht bei den leichtesten Stürmen voneinander zu trennen. Wir leben in der Bundes-Republik, schauen die Bundes-Liga, tragen wie eine Stola den Vereinsschal, der BUND ist der Bund für Umwelt und Natur und viele Teenies tragen ihr Freundschafts-bündchen oder Bändchen am Handgelenk. Es geht dabei manchmal um ein Vertragswerk, viel mehr aber ist ein Bund ein Treuebund. Wir stehen zueinander. Auch, wenn es schwierig wird.

Im Hebräischen, der Sprache Jeremias steht hier das Wort „berit“ – Verpflichtung. Dies wiederrum hat seine Wurzel in dem Wort, das „Fessel“ bedeutet. Gemeint ist aber nicht eine Fessel, die die Freiheit nimmt, sondern eher in dem Sinne einer „fesselnden Abmachung“. Wenn ich ein Freundschaftsbändchen trage, wenn zwei in freier Entscheidung den Ehe-Bund eingehen, dann aus dem Motiv heraus, dass es da einen Menschen gibt, der mich fesselt und den ich einfach nicht loslassen kann. Das zeige ich im Freundschaftsbändchen oder im Ring oder im Tattoo.

 

Zurück zum Verhältnis zwischen Gott und Mensch:
Das ist das Ungeheuerliche, von dem die Bibel immer wieder erzählt, dass Gott nicht loslassen kann von seinen Menschen und mit seinen Menschen immer wieder einen neuen Anfang macht. Trotz aller tiefen Enttäuschungen.

Jeremia spricht von dem neuen Bund:  So spricht der Herr: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“

Wir spüren, dass dieser Bund von einer anderen Qualität sein wird. In diesem Bund geht es nicht mehr darum, dass der Wille Gottes und der Wille des Menschen zwei verschiedene Dinge sind und der Mensch immer wieder neu in die Spur gebracht werden muss und Gehorsam erlernen.
In diesem neuen Bund wird alles Mahnen und Zurechtbringen überflüssig sein, weil der Geist Gottes tief in unser Herz eingedrungen ist und unser Lieben und Leben bestimmt.

Dann braucht es keine Mahnung und kein Belehren mehr, weil unser Fühlen und unser Denken vom Geist Gottes durchdrungen ist.

 

Alfons Blum, ein 84-jähriger Mann ist völlig unbeabsichtigt zum Gesicht der Woche geworden. Zurecht wir über ihn im ganzen Land geredet. Er erzählte in Gera den Reportern am Rande eine Demonstration gegen die Corona Einschränkungen, wie sehr ihm die Auflagen zu schaffen machen. Seit 63 Jahren ist er mit seiner Frau Verheiratet und bezeichnet sie immer noch als „meinen Engel, den ich liebe wie am ersten Tag.“  Seit Dezember ist sie wegen ihrer Demenz im Pflegeheim und er durfte sie nun seit acht Wochen nicht mehr besuchen. Er kämpft vor laufender Kamera mit den Tränen und man spürt, wie sehr es ihm das Herz bricht, wenn er von seiner Frau spricht, mit der er den Ehebund geschlossen hat.

Bis er dann auf einmal von einem anderen Demonstranten wütend angegangen wird, weil er nicht kapiere, dass das „Merkel-Regime“ an allem schuld sei. Wenn man ARD und ZDF zuhöre und mit ihnen rede, habe man die Kontrolle über sein Leben verloren.

Und dann geschieht das für mich Unglaubliche. Dieser Mann, der eben noch mit den Tränen kämpft und um Fassung ringt, schreckt zurück und widerspricht leise: „Nein, absolut nicht. Man muss auch vernünftig bleiben.“

Da ist für einen Moment wahrgeworden, wie ein guter Geist einen Menschen lenken kann. Da ist auf der einen Seite die tiefe Verzweiflung zu spüren, weil er seine Frau nicht sehen kann und das zerreißt ihm das Herz. Und doch ist sein Verstand so klar, dass er auch die Begründung der Maßnahmen sehen kann.

Und auf der anderen Seite ist da ein Mensch voller Verschwörungsideologie, durchsetzt von Hass, den er in seiner Brüllerei herausschleudert. Wir spüren, alle Diskussionen und Belehrungen würden da nichts helfen. Es braucht wohl etwas ganz anderes.

„Es wird keiner den anderen, noch ein Bruder den anderen belehren“, so erzählt Jeremia vom neuen Bund. Das ist wirklich eine neue Erfahrung, denn Belehrungen sind uns ja scheinbar naturgegeben in Fleisch und Blut. Nicht nur bei Lehrern.  Belehrungen sind oft von Misstrauen und Angst diktiert. Es braucht aber etwas anderes:  Eine Haltung, ein Lebensstil aus dem Geist Gottes heraus:

In der Evangeliumslesung wurde davon erzählt:
Jesus ist nicht mehr unter den Menschen in Fleisch und Blut. Aber, so sagte er in seinen Abschiedsreden zu seinen Jüngern, habt keine Angst, meinen Geist den schicke ich Euch. Ich werde gehen, aber mein Geist kommt zu Euch und es ist der Geist, der uns tröstet in Trauer. Es ist der Geist der Wahrheit, der das Herz und den Verstand ergreift und es ist der Geist der uns nicht unseren Egoismus und unseren Geltungsdrang leben lässt, sondern vom Vertrauen darauf, dass Gott Wege finden wird.

Ich weiß nicht, ob der 84-jährige Alfons Blum ein Mensch ist, dem der Glaube und das Gottvertrauen eine Lebenskraft ist. Was aber zu spüren war, es ist genau dieser Geist, von dem Jeremia redet mit Herz und Verstand:
Von Liebe durchzogen kann er sein Leid klagen. Und als er spürt, dass andere sein Schicksal für ihre Zwecke missbrauchen wollen, dann besinnt er sich und bleibt mit zaghafter Stimme – aber beharrlich auf der Suche nach dem, was vernünftig ist.

Wir leben in einer Zeit, in der vieles auf dem Prüfstand steht. Der Philosoph Walter Benjamin sagte einmal treffend: „Dass es immer so weiter geht, ist die Katastrophe.“

In der Tat: Ich will nicht, dass es im er so weiter geht. Höher, schneller, weiter immer mehr und das sofort. Ich will nicht mein altes Deutschland zurück. Ich will auch nicht mein altes Leben zurück. Ich will keine Rückkehr in den Zustand vor Corona. Gesellschaftlich nicht – und auch in manchen privaten Dingen nicht.

Bei allem, was in diesen Zeiten schwer zu tragen ist – und das will ich nicht kleinreden -, so erlebe ich diese Zeit tatsächlich auch als Chance in alltäglichen Dingen neu anzufangen.

Warum soll uns nicht gelingen, was der Töpferin mit ihrer Figur oder mir als Pennäler mit meinen Aufsätzen gelungen ist. Ob nun im dritten oder vierten oder siebenundzwanzigsten Anlauf.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Dass etwas Neu werden darf, ist das große Thema der ganzen Heiligen Schrift.
Warum sollte die Zeit nicht jetzt dafür da sein?

Amen.


Fürbittengebet

Du, unser Gott,
darauf hoffen wir und darum beten wir,
dass du dein Gesetz in unser Herz geben und in unseren Sinn schreiben willst.

Wir haben es nötig in diesen Zeiten. Da sind viele Sorgen und Ängste in uns.
Wir bringen sie zu Dir und wissen, dass sie bei Dir gut aufgehoben sind.

Da ist aber auch viel Hass und Geschrei in dieser Welt. Menschen säen den Virus der Verachtung aus, gegen den sich kein Impfstoff entwickeln lässt.

So bitten wir, dass Du dein Gesetz in unser Herz geben und in unseren Sinn schreiben wirst.

Du, unser Gott,
das wäre schön, wenn wir einander nicht belehren müssten, sondern Menschen aus dem Herzen heraus spüren, was gut und richtig ist und mit klaren und klugen Gedanken danach suchen, was der Welt dient.

Wir erleben so viel Dummheit und Respektlosigkeit.
Menschen versammeln sich auf den Straßen und grölen ihre menschenverachtenden Parolen. Staatenlenker machen es sich einfach und konstruieren billige Feindbilder.
Unsere Welt ist voll Hass und Geschwätz.

So bitten wir, dass Du dein Gesetz in unser Herz geben und in unseren Sinn schreiben wirst.

Du, unser Gott,
wir sehen um die Menschen, die von diesem Virus noch in ganz andere Weise betroffen sind als wir.
In Indien und Bangladesch sind Millionen auf der Flucht vor Zyklon, der auf die Küsten der beiden Länder trifft. Viele Menschen, kleine Kinder sind auf den Straßen unterwegs. Über hunderte von Kilometern quälen sie sich zu Fuß zu ihren Heimatdörfern, weil sie keine Arbeit und kein Essen mehr finden.
Diese Bilder gehen uns ans Herz.

Gott, schreibe dein Gesetz in die Herzen der Weltgemeinschaft.
Denn nur indem wir einander beistehen, werden wir die Folgen die Not der Menschen lindern können. 

So bitten wir, dass Du dein Gesetz in unser Herz geben und in unseren Sinn schreiben wirst.

Du, unser Gott. In der Stille beten wir zu Dir.

Amen.

Bildquellen

  • Marienkirche mit Stadtmauer: Dieter Turner

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