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Himmelfahrtsgottesdienst am 21.5.2020

Gottesdienst an Christi Himmelfahrt 21. Mai 2020
in der Marienkirche zu Büdingen

Pfarrer Andreas Weik und Kantorin Anne Schneider
Corona-Quintett: Anne Schneider, Katharina Gündra, Barbara Küper,
Sebastian Köhler, Hubertus Protz


Eingangslied EG 510, 1,3,5 – Freuet euch der schönen Erde
Psalm 47
Schriftlesung: Philipper 2, 5-11
Wochenlied EG 122 – Auf Christi Himmelfahrt allein
Predigt zu Lukas 24,44- 53
Predigtlied EG 268 – Strahlen brechen viele
Schlusslied EG 165, 1,4,6 – Gott ist gegenwärtig


Predigt zu Lukas 24, 36-53

36 Als die Jünger miteinander redeten, trat ER selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!
37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.
38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?
39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.
40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
41 Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen?
42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor.
43 Und er nahm’s und aß vor ihnen.
44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.
45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden,
46 und sprach zu ihnen: So steht’s geschrieben, dass der Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage;
47 und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Von Jerusalem an seid ihr dafür Zeugen.
49 Und siehe, ich sende auf euch, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe.
50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Himmelfahrt – Zwischenzeit

Liebe Gemeinde,

die Straßen sind wieder voll, die Menschen sitzen in den Cafés und auf den Bänken und essen ihr Eis. Vor den Metzgereien und den Apotheken bilden sich lange Schlangen. Aber: Alles auf Abstand.

Mit dem Lockdown vor gut zwei Monaten war alles stillgelegt. Möglichst nicht nach draußen gehen, keinen physischen Kontakt zu Freunden, Nachbarn und Verwandten, war die Devise. Dazu die Angst vor dem möglicherweise den Tod bringenden Virus und die Gefahr, nach einer Infektion bleibende Schäden davon zu tragen. Das wollten wir uns und unseren Lieben nicht antun. Große Unsicherheit und niemand wusste und weiß auch jetzt noch, wie die Situation einzuschätzen ist.
Wir haben an unseren Stimmungen und vielleicht sogar körperlich gespürt, dass irgendwie alles anders ist. Die Hochs und Tiefs der Gefühle in dieser Zeit der Covid-19-Pandemie waren am eigenen Leib zu spüren. Bei einigen ging und geht es auch wirtschaftlich um die Existenz.

Sie ist überall zu spüren, diese Sehnsucht nach Normalität: Ich will einfach mal wieder meine Freunde treffen und Party machen. Urlaub so wie früher, wäre auch nicht schlecht. Oder ganz klein: Einfach mal unbeschwert jemanden in Arm nehmen können.
Aber: Seit Beginn der Pandemie ist nichts mehr so, wie wir es kennen. Es wird vermutlich auch so schnell nicht anders werden und wir müssen feststellen: Die Welt war schon bisher nicht eine heile.

Zwischenzeit

Mich erinnert diese Stimmung an die der Jünger, die nach Jesu Tod schier kopflos umherirrten und wünschten, all das sei doch einfach nicht wahr. Er, auf den sie all ihrer Hoffnung gesetzt haben, wurde wie ein hundsgemeiner Verbrecher am Kreuz hingerichtet.
Dafür haben sie ihr altes Leben aufgegeben?
Dafür waren sie mit ihm umhergezogen – zwei Jahre ihrer Lebenszeit?
Nicht nur, dass er, dem sie vertraut haben, am Kreuz gescheitert ist. Nun müssen sie selbst Angst haben vor der neuen Bedrohung. Und diese Bedrohung war nicht unsichtbar, sondern zu sehen an den schon aufgerichteten Kreuzen für die Nächsten und den blitzenden Schwertern und zu hören an den klappernden Hufen der römischen Schlachtrösser in den Jerusalemer Gassen. Was, wenn es uns auch erwischt und wir elendig krepieren?

Aber dann wendet sich das Blatt: Jesus kehrt zurück aus dem Reich des Todes. Es sind zuerst die Frauen, die vor dem leeren Grab stehen und denen gesagt wird: Was sucht Ihr den Lebendigen bei den Toten. Es sind die Jünger auf dem Weg in das kleine Dörfchen Emmaus, zu denen sich ein Dritter gesellt. Erst nachdem er mit ihnen das Brot bricht erkennen sie: Es ist Jesus selbst, der Auferstandene, der mit ihnen unterwegs war. Und im Nachhinein erkannten sie: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete und uns die Heilige Schrift deutete.

Nun sind die Jünger wieder zusammen. Nicht auf Abstand, sondern eng beieinander. Irgendwo sitzen sie hinter verschlossenen Türen, können der Botschaft des Neubeginns noch nicht trauen.

Da, so lesen wir, tritt ER selbst zu ihnen und begrüßt sie mit den Worten „Friede sei mit Euch“, Shalom, jenem jüdischen Friedensgruß von alters her. Und die Jünger erschrecken und fürchten sich.
Ein Wechselbad der Gefühle: Frucht und Schrecken – und dann zaghafte Hoffnung und ungläubiges Aufschauen. Alles irgendwie noch nicht einzuordnen.

Zwischenzeit

Wir spüren der Erzählung des Lukas die Unordnung der Gedanken und Gefühle ab. An keiner Stelle wird Jesus beim Namen genannt. In allen Zeilen wird das Subjekt nur als ER bezeichnet. Der Evangelist Lukas scheut sich davor einfach „Jesus“ zu sagen – das ist der Name für den Menschen Jesus aus Nazareth – und nur in indirektem Bezug auf die alttestamentliche Weissagung fällt der Name „Christus“, der Gesalbte. So bleibt Lukas bei der Benennung „ER“.

Und während die Jünger denken, dies sei eine Geisterscheinung, fordert ER sie auf: Schaut auf meine Hände und Füße – schaut die Wundmale und erkennt: ich bin es selbst.
Und dann sagt ER noch: Habt Ihr etwas zu essen? Die Jünger fühlen sich erinnert an die unzähligen Mahlzeiten, die er mit ihnen geteilt hat.  Und sie erkennen: Eine Geisterscheinung hat keinen Hunger. Jesus aber hat Hunger und ist als kein Geist.

So erkennen wir in Jesus selbst: Zwischenzeit. Nicht Geist – aber auch keine Rückkehr in die Körperlichkeit vor seiner Kreuzigung – und dann – aufgehoben in den Himmel.

Zwischenzeit 

Eine der mich am meisten beeindruckendsten Gotteshäuser ist die Kaiser-Wilhelm- Gedächtniskirche in Berlin. Aufgebaut neben der Ruine der alten Kirche, die im Krieg zerstört wurde. Den durch die Zerstörung abgebrochenen Turm hat man stehen lassen. Für mich sind dies die Wundmale Jesu in architektonischer Gestalt. Was an Menschenverachtung den Menschen und Völkern angetan wurde, hat die Städte der Kriegstreiber selbst getroffen. Die Zerstörung, die tiefe Verwundung der Stadt ist in diesem Kirchturm mit seiner abgebrochenen Spitze für alle sichtbar geblieben. Klug entschieden, den Turm nicht abzureißen oder zu restaurieren.

Das Unrecht, die Wundmale, lassen sich nicht einfach ungeschehen machen. Aber es darf etwas Neues hinzukommen. Nach Karfreitag folgt Ostern.

Und so hat der Architekt Egon Eiermann den Auftrag bekommen eine neue Kirche zu bauen. Tritt man hinein, ist man überwältigt von dem himmlischen Blau, das einen ergreift und ganz umhüllt. Es ist, als verlasse man den Trubel der Straße und der Geschäftigkeit und kommt in diesen überwältigen blauen Farbenspiel dem Himmel etwas näher.

Zwischenzeit

Über dem Altar hängt eine Christusfigur, gestaltet von dem Bildhauer Karl Hemmeter.
Christus schwebt über dem Altar. Die Wundmale in seinen Händen und Füßen sind zu sehen. Doch das Kreuz hat er verlassen. Kreuz – Auferstehung – Himmelfahrt – Segen über die Menschen. Alles fließt zusammen.
Ohne den Auferstandenen bleibt das Kreuz ein Symbol des Scheiterns.
Ohne Kreuz gibt es keine Auferstehung: Durch das Dunkel hindurch führst der Weg zum Licht. .
Und schließlich ist die Himmelfahrt Christi ist ein Schritt heraus aus dieser Zwischenzeit: Stellen wir uns einmal bildlich vor, wir hätten einen ewig Lebenden Christus hier auf der Erde.

So ist Jesus zum Christus geworden – zum wahren König, – unseren fünf Sinnen entzogen- der über den Menschen herrscht und sie segnet.

Hinter der Christusgestalt in der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche gibt es eine spannende Geschichte:

Der Architekt Eiermann hat es abgelehnt, über dem Altar eine Christusfigur am Kreuz zu platzieren.

„Wer als Christ noch das Abbild des Gekreuzigten braucht, und wem das Kreuzes-Symbol nicht genügt und (wer da) noch einer weiteren Aufklärung bedarf, der kann einem ja nur leid tun.“ So schrieb er an den damaligen Pfarrer.

Er wollte nur ein einfaches – kleines Kreuz auf dem Altar – ohne die Christusdarstellung. Das himmliche Blau wäre Botschaft genug. Er hatte die Befürchtung, dass eine gekreuzigte Figur, dem Raum die Ausstrahlung und Aussagekraft nimmt. Aber der damalige Landesbischaof Otto Dibelius wollte unbedingt eine Christusfigur.

Eiermann entgegnete, dass man nach dem Holocaust und den Schrecklichen Bildern aus den Konzentrationslagern menschliches Leid nicht mehr am Kreuz darstellen könne. Und die Vorstellung, dass man in seinem Sonntagsanzug vor dem Kreuz sitzen könne, war ihm zuwider. Vor dem Kreuz müsse man sich Niederwerfen, in den Staub, wie dies in Spanien etwa Brauch sei. Mit dem Kreuz sei kein Sonntagsstaat zu machen.

Nach vielen Gesprächen zwischen Architekt und Bildhauer entstand zwischen Beiden sogar eine gewisse Herzlichkeit und heraus kam eine Figur, die unsere Himmelfahrtsgeschichte wunderbar künstlerisch auszudrücken weiß.

„Wer als Christ noch das Abbild des Gekreuzigten braucht“, wer in einer solchen Kirche unbedingt eine bildhafte Darstellung von Jesus haben muss, „der kann einem ja nur leid tun.“

Mit dieser Auffassung war Egon Eiermann voll auf der Höhe des heutigen Tages.

Denn genau darum geht es an „Christi Himmelfahrt“. Den Jüngern wird zugetraut, dass sie Christen sein könnten, dass sie Christen werden können, auch ohne dass Jesus länger sichtbar bei ihnen ist.
Ihnen wird zugemutet, dass sie von ihm in seiner unmittelbaren Gegenwart Ab-schied nehmen müssen.

Aber das wird ihnen zugleich auch zugetrautdurch den Heiligen Geist, den Jesus ihnen verspricht. Als seine „Zeugen“ sollen sie das, was sie von ihm gehört und was sie mit ihm erlebt haben, unter sich bewahren und sollen es weitertragen. Darum erzählt der Evangelist Lukas von seiner Himmelfahrt.

Und man kann sagen: In diesem Zutrauen hatte der Architekt seine Kirche geplant: Dass Christus hier gegenwärtig sein könne, auch ohne dass wir ihn bildhaft vor Augen haben.

Und dann hat er sich doch auf die Christusfigur in seiner Kirche eingelassen. Aber anders als in vielen Kirchen ist ER nicht als Gekreuzigten dargestellt, sondern als Auferstandenen. Dabei sollte die Kreuzigung natürlich nicht vergessen sein. Das zeigen schon die Umrisse der Figur. Wenn man genau hinschaut, sieht man die Nägelmale an Händen und Füßen. Sie erinnern an das Leiden und den Tod am Kreuz. Und das Gesicht vermittelt mehr als nur eine Ahnung davon, was dieser Mensch durchmachen musste.

Genau damit setzt das heutige Evangelium ein. Da ruft es Jesus seinen Jüngern aus-drücklich noch einmal in Erinnerung: „So steht’s geschrieben, dass der Christus leiden wird“. Doch er fügt sogleich hinzu: dass er „auferstehen (wird) von den Toten“. Und dies beides ist hier schon geschehen!

Und noch mehr: Die schwebende Jesusfigur hier vorn ist bereits in einer Bewegung nach oben. Zugleich aber wendet sich Jesus dabei uns allen mit ausgebreiteten Armen zu. Und auch dies haben wir eben von Lukas ge-hört: „Er… hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“

Zwischenzeit

So haben wir Jesus hier vor uns: genau in dieser Bewegung des Segnens und des Ent-schwindens. Gerade noch anwesend oder, mit seinen geschlossenen Augen, fast schon abwesend: so sehen wir ihn, schwebend zwischen Erde und Himmel, vor dem leuchtenden Blau der Glaswände ringsum. Dabei ist der Himmel, um den es hier geht, nicht ein bestimmter Ort, irgendwo hoch droben im Weltall. Das Wort Himmel be-zeichnet vielmehr eine umfassend andere Dimension der Wirklichkeit. Eine Dimension, die alles umgreift und zugleich durchdringt. Der Himmel ist die Dimension des Lebens bei Gott.

Und wir mittendrin – gesegnet und hineingezogen in diesen andern Himmel, den die Engländer heaven nennen. Amen.

Den zitierten Briefwechsel mit dem Architekten Eiermann und einzelne Gedanken zu der Christusfigur in der Kaiser- Wilhelm Gedächtniskirche verdanke ich der Homepage www.gedaechtniskirche-berlin.de.


Fürbittengebet

Du, Gott, zeigst uns den Himmel,
Christus, du Auferstandener.
Du bist unser Himmel.

Komm mit diesem Himmel zu uns.
Wohne in unseren Herzen,
damit deine Liebe uns verwandelt,
damit wir eins sind,
damit wir einander vertrauen,
damit wir einander vergeben,
damit wir einander helfen.

Wir rufen Dich an:

Komm mit dem Himmel zu den Schwachen.
Lebe mit ihnen, damit ihnen neue Kräfte wachsen.

Komm mit dem Himmel zu den Kranken.
Heile sie, damit sie aufatmen und wir einander wieder berühren.

Komm mit dem Himmel zu den Mächtigen.
Leite sie, damit sie dem Frieden dienen
und der Gerechtigkeit aufhelfen.

Wir rufen Dich an:

Christus, du Auferstandener, Du bist unser Friedenskönig,
erhoben über alle Machtkämpfe und Kriegstreiberei der Menschen.
Sieh unsere Angst in dieser Welt!
Hilf uns deinen Worten zu glauben,
dass Du die Welt überwunden hast.

Zieh uns himmelwärts,
damit wir unsere Zeit auf dieser Erde in Deinem Geist gestalten.
Du hältst die Welt in Deinen Händen.

Amen.

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