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ReformationsGeschichten | Der Büdinger Pfarrstreit – Teil 2

von Dr. Klaus-Peter Decker

Den ersten Teil konnten Sie bereits zuvor lesen.

Als Graf Johann im Mai 1533 starb, ließ er seine Treue zum katholischen Glauben durch eine Anzahl feierlicher Seelenmessen und  Jahrgedächtnisse demonstrieren. Zugleich aber traf er in seinem Testament eine merkwürdige Verfügung: neben dem Abt von Fulda setzte er Landgraf Philipp von Hessen, einen der eifrigsten Förderer der Reformation, als Vormund ein, wohl um für seine Kinder einen mächtigen Schutz gegen seinen Rivalen zu erhalten. Philipp vermittelte Anfang 1535 einen Vergleich im Hausstreit, der auch die Querelen um die Pfarrei einschloss.

Sunder wurde schließlich dazu gebracht, auf das Pfarramt zu verzichten und sich mit seiner Altarpfründe zufrieden zu geben. Kleeberger konnte sich zwar behaupten, doch wurde bald der Zwiespalt sichtbar, in den er geraten war: Einerseits war er vom Geiste Luthers aus dem Wort der Schrift ergriffen, doch blieb er als Angehöriger des Diözesanklerus in die altkirchlichen Strukturen eingebunden. Daher wagte er den öffentlichen Schritt in den Stand der Ehe nicht, was den merkwürdigen Inhalt einer Urkunde von 1536 erklärt, wonach er mit Zustimmung der übrigen  Büdinger Geistlichen seinen drei leiblichen Töchtern und seiner „Haushälterin“ aus der Stiftung „Präsenz“ ein Stück Gartenland übergab. Die Versorgung der Familien dieser Geistlichen zwischen den Fronten wurde also zum Problem. Auch die bisherigen Einkünfte schmolzen dahin, so  beklagte sich Kleeberger bitter über den Wegfall der besonders an hohen Festtagen üblichen Kollekten oder der Beichtgelder.

1541 trat Graf  Reinhard, der älteste Sohn Johanns, die Regierung in seinem Landesteil an. Er hatte einen Teil seiner Erziehung am landgräflichen Hof in Kassel erhalten, war daher lutherisch vorgeprägt. Erleichtert wurde ein Ausgleich im Kirchenstreit dadurch, dass die Äbtissin von Marienborn nun ihr Patronatsrecht an der Remigiuskirche an die Grafen zu Ysenburg als Nachfahren der Klosterstifter zurückgab. Als Pfarrer Kleeberger 1543 starb, einigten sich die Ysenburger Vettern über eine gemeinsame Neubesetzung der Büdinger Pfarrstelle. Noch im selben Jahr wurde Johannes Schmelz aus Königstein als 1. Pfarrer berufen und eine zweite Stelle eingerichtet, die Dionysius Roner aus Esslingen, der in Wittenberg studiert hatte, als Diakon übernahm, beides Prädikanten auf dem Boden der Augsburger Konfession. So läßt sich zu Recht von „Anno Christi 1543“ als dem Jahr der „Absonderung vom Papstumb und Änderung der Religion in der Stadt und Grafschaft Büdingen“ sprechen, wie es in einer darauf bezüglichen Akte im Schlossarchiv heißt.

In diesem Jahr wurde auch als erstes Kloster auf dem Territorium der Grafschaft der Konvent der Prämonstratenser in (Langen-)Selbold durch Graf Anton aufgehoben, dessen Einkünfte in der Folge zur Besoldung der neuen Pfarrer und Lehrer verwandt wurden. Erwähnt sei noch die persönliche Bekanntschaft Graf Antons mit führenden Reformatoren, an erster Stelle Philipp Melanchthon (1497-1560). Aus dessen Korrespondenz erfährt man, dass sie sich im Frühjahr 1534 im Hause Luthers in Wittenberg kennenlernten, Anton dürfte dort auch Luther selbst begegnet sein. Bei Melanchthon aber holte er sich, wie manch anderer seiner Wetterauer Grafenkollegen, Rat und Hilfe im Umgang mit den neuen Entwicklungen. Das politische Kernproblem war, dass die Grafschaft und auch die Residenz Büdingen selbst Lehen des Reiches waren, die ihm im Konfliktfall von Kaiser Karl V. entzogen werden konnten. Der kleine Graf war also zu vorsichtigem, ja verdecktem Handeln gezwungen, dazu bot sich der auf Ausgleich bedachte Kurs Melanchthons an. Anton bat diesen nicht nur um einen Lehrer, sondern auch um Horoskope für seine Kinder, Briefe dazu haben sich im Schlossarchiv erhalten. 1541 sandte er seinen Sohn Georg in Begleitung eines Hofmeisters nach Wittenberg, um dort in der „Studierkammer“ des berühmten Pädagogen am Unterricht teilzunehmen. Später schloss er noch einen Aufenthalt Georgs bei Martin Bucer (1491-1551) in Straßburg an, der durch seine „Vermittlungstheologie“ ebenfalls zu den großen Gestalten der ersten Generation des  Umbruchs zählt.

Die „Confessio“, die Melanchthon auf dem Augsburger Reichstag von 1530 formulierte und die als wichtigste Bekenntnisschrift des Luthertums gilt, hat auch für Anton besondere Bedeutung gehabt. Als sie im Religionsfrieden von 1555 reichsrechtliche Anerkennung erfuhr, hat Graf Anton bald darauf eine Anzahl von Exemplaren auf der Ronneburg drucken lassen und mit einer Widmung angleichgesinnte Weggenossen verteilt.

Über den Autor:
Dr. Klaus-Peter Decker, Jahrgang 1939, lebt in Büdingen.
Studium der Geschichte,
Politikwissenschaft und Geografie.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Mainz. Promotion 1978.
Von 1979 bis 2002 Leiter der Fürstlichen Archive in Birstein und Büdingen.

Bildquellen

  • Dächer der Altstadt mit Marienkirche und Schloss: Dieter Turner

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