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ReformationsGeschichten | Der Büdinger Pfarrstreit – Teil 1

von Klaus-Peter Decker

Ein beschwerlicher Weg zur Reformation

1517, vor 500 Jahren, lösten Martin Luthers öffentliche Thesen gegen den kirchlichen Ablasshandel, gefolgt von seinem mutigen Auftreten vor dem Wormser Reichstag 1521, ein Beben mit weltgeschichtlichen Folgen aus. Die alte kirchliche Einheit löste sich bald in unterschiedliche Konfessionen auf. Aber die Wege hin zur Reformation und Formierung eines neuen Kirchenwesens waren vielfältig, denn die religiösen Ziele vermischten sich schnell mit politischen Frontstellungen. So war es auch in Büdingen, der kleinen Residenz der Grafen zu Ysenburg.

In Büdingen war es nach einem Erbstreit unter den Söhnen des Grafen Ludwig II. in eben diesem Jahr 1517 zu einem Hausvertrag gekommen, der auf eine Landesteilung zwischen dem Grafen Johann V. und seinem Neffen, Graf Anton, hinauslief. Der junge Anton, zunächst nur Kurator seines erbberechtigten kranken Vaters Philipp (+1526), sollte sich den neuen Gedanken bald in vorsichtiger Form öffnen, während Johann altgläubig, das heißt der katholischen Kirche verbunden blieb.

Luthers Anstöße führten gerade invielen Städten rasch zu einer von Klerikern und Bürgern getragenen „evangelischen Bewegung“. Von einer derartigen Strömung ist in Büdingen und auch in anderen Pfarrorten der Grafschaft nichts zu spüren, vielleicht auch weil es in der Stadt selbst keine klösterlichen Niederlassungen gab, die häufig zum Stein des Anstoßes wurden. Obwohl das Taufsakrament 1491 an die Marienkirche übertragen worden war, galt die außerhalb der Stadt gelegene alte Remigiuskirche rechtlich noch als Pfarrkirche, die Einsetzung des Pfarrers stand dem Frauenkloster Marienborn als Patronatsherrin zu, in Abstimmung mit den Mainzer Kirchenbehörden. Unter den sonstigen Klerikern, den Altaristen der Marienkirche, dem Vikar der Herrgottskirche und dem Schloßkaplan, der wegen seiner Schreib- und Rechenkünste zugleich als Rentmeister diente, blieb zunächst alles ruhig.

Mit der politischen Brisanz der neuen Ideen wurde Graf Anton erstmals konfrontiert, als während des Bauernkriegs 1525 eine Aktion auch das in seinem Teil gelegene Kloster Selbold traf. Hier zeigt sich aber, wie geschickt der junge Regent taktierte und die Lage für seine Interessen zu nutzen wußte. Denn die Rädelsführer der Bauern aus dem Gründauer Gericht, die ins Kloster eingedrungen waren, wurden zwar bestraft, aber mit Landesverweis auffallend milde. Die Mönche wurden nicht ganz freiwillig nach Büdingen in eine Art Schutzhaft verbracht, das Kloster durch eigene Fußknechte gesichert. Offenbar hat der Graf die Gelegenheit genutzt, um seine landesherrliche Obrigkeit auszuweiten. So setzte er drei der Mönche, die dem Kloster den Rücken kehren wollten, eigenmächtig auf Pfarrstellen ein, unter Missachtung der Rechte der Äbtissin des Klosters Meerholz. Er wurde jedoch durch Briefe einzelner Konventualen bestärkt, die sich mit ihren Gewissensnöten und Zukunftsängsten direkt an Anton gewandt hatten.

Auch in Büdingen zeigten sich in der Folge erste Symptome der neuen Gesinnung, ausgerechnet bei einem Geistlichen, der vom altkirchlichen Pfründenwesen, das nun in so harte Kritik geriet, durchaus profitiert hatte, Pfarrer Heinrich Bellersheim. 1526 wurde er wegen des Verdachts, ein Anhänger Luthers zu sein, vom Mainzer Oberhirten, Kardinal Albrecht von Brandenburg, vor das geistliche Gericht in Aschaffenburg zitiert. Während Graf Johann dem zustimmte, nahm Anton eine zögernde Haltung ein und suchte den Geistlichen zu decken, so dass er schließlich im Amt belassen wurde. Beim Tode Bellersheims 1531 wird jedoch in einem Mainzer Dokument vermerkt, er sei außerhalb der römischen Kirche, also als Ketzer, gestorben.

Um die Wiederbesetzung der Pfarrstelle brach nun ein offener Konflikt zwischen den beiden Ysenburger Grafen als gemeinsamen Stadtherren aus. Als aussichtsreicher Bewerber galt Heinrich Sunder aus einer alteingesessenen Familie, der bereits im Besitz der Pfründe des von seinem Vater gestifteten St. Jakobsaltars in der Marienkirche war und der auch von den Bürgern gewünscht wurde. Graf Johann, der auf seine alleinige Zuständigkeit pochte, weil das mit dem Patronatsrecht versehene Kloster Marienborn in seinem Anteil lag, lehnte Sunder aber als verkappten Lutheraner ab und favorisierte einen eigenen Kandidaten, Friedrich Kleeberger, den er auch durch die Äbtissin präsentieren und vom zuständigen Archidiakon, dem Mainzer Maria-Greden-Stift, bestätigen ließ.

Graf Anton wandte sich jedoch direkt an den Mainzer Erzbischof als höchste geistliche Instanz, der die Stelle 1532 an Sunder übertrug. Die Standpunkte blieben unvereinbar, jeder der Geistlichen beharrte auf seinem Anspruch, während die Grafen ihnen wechselseitig ihre Einkünfte aus dem jeweiligen Landesteil zu sperren suchten. Was dieser Zustand in einer Zeit der allgemeinen religiösen Krise für die Gemeinde bedeutete, darüber kann man nur mutmaßen. Aber ausgerechnet der „Meßpriester“ Kleeberger wurde bald bezichtigt, „nit allein Luttricher, sonder Zwinglischer
Secten und Lehr“ anzuhangen. Er wurde deswegen im April 1532 zu einem Verhör nach Aschaffenburg geladen, das ihn offenbar stark mitnahm, obwohl ihm Graf Johann einen Rechtsbestand verschafft hatte.

Der Streit spitzte sich bis zu offener Gewalt zu. Als Sunder sich 1533 unvorsichtiger Weise nach Rohrbach und damit in den Machtbereich Johanns begab, wurde er gewaltsam festgesetzt und für einige Zeit in Wenings in Haft gehalten.

Weiter zum zweiten Teil.

Über den Autor:
Dr. Klaus-Peter Decker, Jahrgang 1939, lebt in Büdingen.
Studium der Geschichte,
Politikwissenschaft und Geografie.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Mainz. Promotion 1978.
Von 1979 bis 2002 Leiter der Fürstlichen Archive in Birstein und Büdingen.

Bildquellen

  • Anton und Elisabeth – Detail: Elke Kaltenschnee

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