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Zum Gedenken an die Mordopfer in Hanau

Menschen- und Lichterkette zum Gedenken der Mordopfer in Hanau am Sonntag, 23.02.2020 18.00 Uhr

Dem Aufruf der Evangelischen und katholischen Kirchengemeinden, der Ditib-Gemeinde, der Ahmadiyya Muslim Jamaat, der alevitischen Gemeinde, dem Büdinger Bündnis für Demokratie und Vielfalt, dem Verein Demokratie Leben und der Stadt Büdingen folgten mehr als 1000 Menschen und bildeten zunächst eine Menschenkette zwischen der Moschee und dem Bahnhof bis zum Jerusalemer Tor. Lichter wurden entzündet und Blumen verteilt und die Menschenkette unter Glockengeläut im Schulterschluss und Händereichen geschlossen. Die anschließende Versammlung in Nähe von Bahnhof und Moschee war ein unglaublich starkes Zeichen.

Nicht nur aufgrund der schier nicht mehr zu überblickenden Menschenmenge, die sich auf dem Parkplatz versammelt hatte, sondern auch durch den würdigen und respektvollen Umgang miteinander, dem gegenseitigen Zuhören und der Anteilnahme angesichts der entsetzlichen Tat. Die gesungenen Suren der beiden Hodschas und das von Tine Lott angestimmte Lied der Bürgerrechtsbewegung „We shall overcome“ gingen unter die Haut und ließen eine verbindende Spiritualität spüren, einen guten Geist Gottes, wie es ihn in diesen verrückten Zeiten braucht.

Ansprache von Pfarrer Andreas Weik (Ev. Kirchengemeinde Büdingen)

Friede sei mit Euch,
Shalom alechem,
Salam aleikum,

mit diesem Friedensgruß in Deutsch, Hebräisch und Arabisch begrüßen wir uns, weil wir uns diesen Frieden untereinander wünschen und weil wir wieder erlebt haben, wie er in Sekundenschnelle zerstört wird. In Hanau wurden neun Menschen ermordet, weil aus hasserfüllten und rassistischen Gedanken Worte wurden und aus Worten diese mörderische Tat. Neun Menschenleben wurden getötet und ihr junges Leben ausgelöscht. Ihre Familien und Freunde werden dies niemals mehr vergessen und in ihnen ist Verzweiflung und Wut. Zu ihnen, die die meisten von uns nicht persönlich kennen, gehen unsere Gedanken.

Diese Tat trifft uns alle! Das ist schnell gesagt. Deshalb nehme ich zunächst einen kleinen gedanklichen Umweg:

Es ist so: Die Opfer dieses rassistischen Mordes in Hanau stammen aus der Mitte unserer Gesellschaft, sind zum Teil in unserem Land geboren und hier aufgewachsen. Sie wurden zur Zielscheibe nur aus dem Grund: Weil ihr Name nicht typisch Deutsch, ihr Aussehen vielleicht nicht westlich war, sie sich nicht in einer deutschen Bierstube aufgehalten haben, sondern in einer Shisha Bar.  Die Morde des NSU, das Attentat auf die Synagoge in Halle, die Schüsse auf einen Eriträer in Wächtersbach, und jetzt die Morde in Hanau tragen immer das gleiche uns bekannte Motiv, das wir aus unser Geschichte nur zu gut kennen:

„Kein Jude kann Volksgenosse sein“ so sagten die Nazis in ihrem Parteiprogramm.
„Wir müssen unser Land von allem Undeutschen säubern“ sagen die Rassisten heute.
Und aus Worten wurden Taten. Damals – und jetzt wieder.
Es ist immer der gleiche Gedanke, dass Rassisten meinen sagen zu dürfen, wer zur Gemeinschaft dazu gehört und wer nicht.

In der Bibel, im 1. Brief an die Korinther Kapitel 12, gibt es das schöne Bild von Paulus, der sagt: Unsere Gemeinschaft ist wie ein Körper mit vielen verschiedenen Körperteilen und Organen. In ihrer Vielfalt haben sie alle eine Bedeutung. Und wenn einem Körperteil Schmerzen zugefügt wird, so leidet der ganze Leib.

Das ist es, weshalb uns das Geschehen in Halle und Wächtersbach und jetzt in Hanau nicht kalt lassen darf und weshalb wir hier zusammenstehen. Wenn mein Name Deutsch klingt, ich westlich aussehe, nicht religiös bin, schön meinen Mund halte, wenn Rassisten laut werden, dann gerate ich nicht auf ihre Zielscheibe.  Wenn ich aber einen fremdklingenden Namen trage oder mich in einer Synagoge, einer Moschee, oder einer Shisha-Bar aufhalte, wenn ich mich als Politiker für die Rechte von Geflüchteten einsetze, dann genügt das,  dass ich um mein Leben fürchten muss. Und deshalb stehen wir hier an diesem Ort in der Nähe einer Moschee. Weil auch sie und die Menschen, die hierher kommen zur Mitte unserer Gesellschaft gehören. Beschämend, dass man dies überhaupt sagen muss. Und unfassbar fast 30 Jahre nach Mölln und Solingen und Rostock-Lichtenhagen. Unser Land hat sich seit Pegida verändert, wie ich es nie für möglich gehalten habe. Wir stehen hier und lassen uns nicht aufspalten. Wir gehören zusammen und stehen ein für ein Leben in Vielfalt und Respekt. Hier in Büdingen – und wohin uns unsere Wege führen.

Unsere Gedanken gehen zu den Opfern in Hanau.

Der Name des Täters wurde in den Medien oft genannt. Seinen Namen werden wir jetzt nicht nennen. Wir wissen aber auch: Kein Mensch wird als Mörder geboren und wir fragen, was in diesem Leben falsch gelaufen, dass er zum Menschenfeind und Mörder wurde.

Unsere Gedanken gehen zu den Opfern in Hanau. Wir nennen jetzt ihre Namen und halten einen Moment Stillen:
(Verlesung der Namen der Ermordeten von unterschiedlichen Personen)

Ferhat Ünver, 22 Jahre

Mercedes Kierpacz, 35 Jahre

Sedat Gürbüz, 30 Jahre

Gökhan Gültekin, 37 Jahre

Hamza Kurtović, 20 Jahre

Kalojan Velkov, 33 Jahre

Vili Viorel Păun, 23 Jahre

Said Nesar Hashemi, 21 Jahre

Fatih Saraçoğlu, 34 Jahre

Stille.


Unsere Gedanken gehen auch zu der getöteten Mutter des Täters, die dieses Leben geboren hat und durch ihn getötet wurde. Und verbindet über die Religionen hinweg die Hoffnung, das bei Gott, bei Allah, kein Mensch verloren geht.


Es folgte:

  • Friedensgebet der Ditib-Gemeinde ‚
  • Friedensgebet Ahmadiyya
  • Friedensgebet Alevitische Gemeinde
  • Gemeinsames Friedensgebet der christlichen Kirchen
  • Tine Lott: „We shall overcome“

Friedensgebet der evang. und kathol. Kirchengemeinde

Guter Gott, wir nennen Dich Herr, Allah, der Ewige, der Lebendige
Du hast uns geschaffen in Vielfalt
Viele Sprachen, viele Völker, viele Kulturen, viele Religionen,

viele Begabungen, viel Herzenswärme.  
Wir stehen zusammen in Achtung und Respekt. ‚
Wir stehen zusammen, weil wir wissen: Die Liebe ist stärker als der Hass und der Tod.
Segne unser miteinander in dieser Stadt und in unserem Land. 

Guter Gott,
Wir stehen hier zusammen, weil der Hass und das Morden uns entsetzt.
Wir sehen das Blut, das vergossen wurde und von der Erde zum Himmel schreit.
Wir hören die Stimme unserer Brüder und Schwestern – Geschöpfe des Einen Gottes.
Ihre Klage und die Klage alle der Verzweifelten bringen wir zu Dir.

Guter Gott,
mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt
dass ich verbinde, wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glauben bringe, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert.

Guter Gott, lass mich danach trachten,
nicht nur, dass ich getröstet werde, sondern dass ich auch tröste,
nicht nur, dass ich verstanden werde, sondern dass ich auch verstehe,
nicht nur, dass ich geliebt werde, sondern dass ich auch andere liebe.
Denn wer hingibt, der empfängt,
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;  
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

Guter Gott,
mach uns zu einem Werkzeug deines Friedens. Amen.  

(Letzter Teil nach dem Friedensgebet von Franz von Assisi.)

Bildquellen

  • Kirchturm nachts vom Altstadtparkplatz: Dieter Turner

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